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So etwas wie Freiheit

© Julian Niedermeier





1. Der Mann, der nicht denken will

Da ist dieser Mann. Er geht durch eine Stadt. Eine praktische Stadt. In der er einkaufen kann. In der er leben kann. Eine Stadt die steht. Standesgemäß standhaft. Eine Stadt die bleibt. Bleibt wie sie ist. In einem Land in einem Staat in einem System. Darin der Mann. Alleine für sich unter Abermilliarden anderer.
Er geht eine Straße entlang. Vorbei an Mülleimern, vorbei an Menschen. Er kennt sie nicht, hat sie höchstens schon einmal gesehen. Vielleicht beim einkaufen, vielleicht in der Arbeit, vielleicht im Fernsehen. Er mag Menschen nicht. Menschen mögen ihn nicht. Nicht weil er anders wäre, sondern weil er ein Mensch ist. Menschen mögen keine Menschen. Weil sie einander nicht ansehen können, ohne an sich selbst zu denken.
Am wenigsten mag der Mann sich selbst. Diese Hände, mit denen er diese Dinge macht. Diese Beine mit denen er diese Wege entlang geht. Diese Augen mit denen er diese Menschen sieht. Dieser Mund mit dem er diese Dinge sagt. Und vor allem.
Vor allem dieser Kopf mit dem er diese Dinge denkt. Und er denkt sehr viel. Denkt an sich, seine Stadt, die Menschen. Eigentlich an alles. Er denkt daran, lieber nicht daran zu denken. Das alles ist schlimm. Aber da gibt es wenigstens eine Distanz. In seinem Kopf jedoch, wenn er nach innen blickt, und sich sieht. Das ist wirklich schlimm.
Er versucht zu schlafen. Er schläft auf einem Bett in einem Zimmer mit einer Heizung und einem Fenster. Er schaltet das Licht an. Er schaltet es wieder aus. Er wiederholt es und denkt – nein, er will nicht denken. Er lässt das Licht an und nimmt sich ein Buch. Wollte er nicht schlafen? Er liegt wach und liest. Er mag das Buch nicht. Er versteht es nicht, will es nicht verstehen. Aber er liest weiter. Er hat andere Bücher, aber er will dieses lesen. Er mag es, wenn er Dinge nicht versteht. Er liebt es sogar. Alles was er nicht begreift, hat er am Liebsten. Und darüber könnte er Stunden lang reden.
Er redet oft. Er redet gern. Er redet viel. Und er redet laut. Außer jemand anderes redet, dann hört er  zu. Wenn er etwas mehr liebt als zu reden, dann ist es zuzuhören. Den richtigen zuzuhören. Er unterhält sich nicht mit jedem. Er mag Menschen zwar nicht, aber man ist aufeinander angewiesen. In dieser Welt. In seiner Welt. In diesem System. Da muss man sich jemanden suchen, mit dem man zusammen Dinge nicht versteht. Um sie sich gegenseitig zu erklären. Nur so lernt er. Nur so versteht er. Nur so denkt er nicht.
Er hasst denken.
Er mag lieber leben. Das Leben ist schön. Er mag das Leben. Sein Leben. In dieser Stadt. Wo er einkaufen kann. In seiner Wohnung, wo er schlafen kann. Essen kann. Trinken kann. Leben kann. Es ist sein Leben. Und niemand darf ihm sein Leben nehmen. Das sagt sogar das Gesetz. Niemand darf seine Welt verändern. Das ist Gesetz. Er mag Gesetze. Er mag Regeln. Er mag Dinge die ihm Halt geben. Seine Eltern zum Beispiel. Es sind zwar Menschen, aber besondere Menschen. Er ist an sie gebunden. Und es macht ihm nicht einmal etwas aus. Seine Eltern sind verheiratet. Seit über 40 Jahren. Niemand darf das ändern. Das steht im Gesetz. Mama und Papa. Papa und Mama. Sonst nichts. Mama, Papa, Kind. Vater, heiliger Geist, Sohn, Amen. So und nicht anders. So stehts im Gesetz. Es ist gut so wie es ist. Daran glaubt er ganz fest. Es fühlt sich zumindest so an. Das weiß er. Also ist es auch so. Er mag Dinge, die er weiß. Dinge die er weiß, muss er nicht verstehen. Sie sind einfach. Da muss man nicht denken. Das liebt er.
Oft steht er einfach nur da. Er weiß nicht genau wo, aber er steht da eben. Er weiß weder wie er dort hingekommen ist, noch warum. Aber er will auch nicht weg. Stunden steht er dann da, ohne dass ihm auch nur einmal der Gedanke kommt, dass er vielleicht besser wo anders stehen sollte. Erst spät abends ist er wieder in seinem Bett. Erneut ohne zu wissen, wie er dort hingekommen ist. Dann versucht er zu schlafen und liest in seinem Buch.
Seine Stadt ist sehr groß und doch laufen ihm ständig Menschen über den Weg. Manchmal fragt er sich, ob es überhaupt genügend Häuser in der Stadt gibt. Nein, das sind doch viel zu wenige. So viele Menschen dürfte es hier gar nicht geben. Das ist doch viel zu viel. Davon hat er neulich erst irgendetwas gelesen. In irgendeiner Zeitung, oder Zeitschrift, oder war es ein Flugblatt? Irgendwo stand was von zu vielen Menschen. Das stimmt. Er will nicht weiter nachdenken. Aber es stimmt. Es fühlt sich so an. Das weiß er. Er weiß, dass es sich so anfühlt. Und was er weiß, stimmt. Kein Grund also um weiter nachzudenken.
Er ist im Wald. Ein Park. Er liebt die Natur. Er liebt Bäume. Er liebt Tiere. Wenn er Tiere sieht, muss er nicht an sich selbst denken. Er denkt gar nicht. Wenn er Bäume sieht, muss er auch nicht an sich selbst denken. Dann denkt er an Bäume. Alles hier ist so schön. So schön friedlich. Leise. Der Wind trägt nur Blütenstaub durch die Gegend. Keinen Lärm. Stille. Die Stadt ist weit weg. Die Sonne scheint. Hell, stark, warm. Er schließt die Augen.
Schöne Welt. Seine Welt ist schön. In diesem Wald. In diesem Land. In diesem Staat. In diesem System.
Er öffnet die Augen und sieht einen Vogel. Was für ein schöner Vogel. Er weiß nicht, dass dieser Vogel in einer anderen Welt lebt. Dass dieser Vogel weit geflogen ist und mehr gesehen hat als er, viel mehr. Aber er weiß, dass er schön aussieht. Hier auf diesem Baum, in diesem Wald, in seiner Welt. In seiner eigenen, einsamen Welt.


2. Das Diktatorkind

Da ist dieses Kind im Körper eines Erwachsenen. Im Körper eines alten, traurigen Mannes. Das Kind aber mag diesen Körper. Jeder in seiner Umgebung mag diesen Körper. Hat ihn zu mögen. Das Kind verbringt viel Zeit in seinem Zimmer. Es ist ein großes Zimmer, in einem großen Haus, in einem großen Land, darin ein kleiner, trauriger, alter Mann; und darin das Kind. Es schreit. Es plärrt. Es rebelliert. Es kämpft. Es will! Es spielt. Spielt mit einem großen Ball. Schubst ihn hin und her. Dreht und wendet ihn. Wirft ihn durch sein Zimmer. Bemalt den Ball mit einem roten Buntstift. Kritzelt darauf herum. Tritt verärgert dagegen. Boxt und bespuckt ihn. Das Kind hat sehr viel Wut in sich. Das Kind hat sehr viele Erinnerungen in sich. Schlechte Erinnerungen. An schlimme Zeiten. An Demütigung und Spott. Manchmal kommen all diese Erinnerungen hoch. Manchmal, da ist das Kind einfach nur ein alter, trauriger Mann. Meistens aber, ist es ein Kind. Dann schreit und plärrt es wieder. Und jeder der ihm in den Weg kommt, wird vernichtet. Ausgelöscht. Einfach so. Niemand weiß, wie das Kind das anstellt, oder wie es an diese Macht kam, und doch, ein Schrei und ein Menschenleben wird ruiniert. Ausradiert.
Das Kind spielt Schach. Alleine. Gegen sich selbst. Es stehen nur weiße Figuren auf dem Brett. Es spielt Lego und baut eine Mauer vor seine Zimmertür. Es spielt Verantwortung. Es spielt Erwachsen sein. Es spielt Nachdenken. Es spielt friedlich sein. Es spielt Bewusstsein. Es tut so als ob.
Das Kind spielt König. Auf dem Schachbrett steht ein weißer König. Zentral in der Mitte. Drum herum hat das Kind die weißen Bauern aufgestellt. Am Rande des Bretts, stehen die weißen Läufer, Springer und Türme. Neben dem Brett liegen die schwarzen Figuren herum. Zerbrochen. Zerstört. Das Kind lacht.
Vor dem Fenster sitzt ein Vogel. Das Kind wirft einen Stein nach ihm. Er sieht das Kind traurig an und fliegt davon. Mickriger Vogel, denkt das Kind. Ein Weißkopfseeadler, das ist ein Vogel. Der König unter den Vögeln.
So wie auch das Kind ein König ist.
Es hat eine Krone, es hat einen Zepter, es hat einen Thron. Das Kind schreit und jeder hört es. Das Kind plärrt und jeder kommt gelaufen. Das Kind rebelliert und jeder spürt es. Das Kind kämpft und der Rest verliert.
Das Kind lacht sehr viel. Der Körper aber, der alte Mann, bleibt traurig. Oft steht das Kind vor einem Spiegel und betrachtet den alten, aufgebenden Körper. Den Zerfall. Den Verlust. Das nahende Ende. Das Kind fragt sich, warum dieser Körper einfach nicht lachen will. Warum dieser Körper einfach nicht glücklich sein kann. Irgendetwas stimmt nicht. Das Kind ist doch glücklich, oder? Warum dann nicht der Körper. Das Kind ist doch glücklich, oder?




3. Die Partyfrau

Da ist diese Frau. Sie raucht. Sie trinkt. Gern und viel. Sie hat kurze zerzauste Haare. Wer braucht schon eine Frisur? Der Wind ist ihr 'Hairstylist'. Sie trägt viele Ketten an den Armen und um den Hals. Die Frau ist vor einem Club. Neonlicht scheint ihr auf´s Gesicht. Im Hintergrund läuft dumpfe eintönige Musik. Genau was sie jetzt braucht. Stumpf. Ausschalten im Gleichklang der Belanglosigkeit. Rauch zieht vor ihrem Gesicht vorbei. Marihuana. Daneben ein Türsteher. Letzter Zug. Zurück. Die Musik wird lauter, heftiger. Ihre Venen pulsieren. Gänsehaut ist kein Wort für das was mit ihrer Haut passiert. Vielleicht doch nicht nur Marihuana? Wer weiß das schon. Die Musik ist jetzt in ihr. Von der Hand des DJ´s über die Boxen direkt in sie hinein. Dopaminflut. Als würde er ihr Gehirn fingern. UNZ UNZ. Rechtes Bein, linkes Bein. Kopf schütteln. Augen zu und durch. Wessen Hand berührt sie da? Und warum immer da? Wen interessiert´s. Sie trinkt. Sie weiß nicht was sie trinkt. Sie weiß auch nicht warum sie plötzlich ein Getränk in der Hand hat. Arme nach oben. Schreien. Nahtloser Übergang zu der nächsten Nummer. UNZ UNZ. Nicht aufhören zu wackeln. Ein tanzendes Kollektiv mit dem Konsens Vergessen zu wollen. Überschreiben. Sie hat da so viel was weg muss, raus muss.
Fabian, zack weg.
Jim, zack weg.
Flo, zack weg.
Fabian, zack, verdammt warum schon wieder Fabian. Trinken, weiter trinken. Nie wieder dieser Name. Lauter! Sie schiebt sich durch die wabernde, wankende Masse, vor zu den Boxen. Lieber taub als Liebeskummer. Liebe, sie übergibt sich. Weiter tanzen. Einmal Blinzeln und alles ist wie zuvor. Warum geht hier alles so schnell? War sie nicht eben in einem anderen Club? Seit wann ist der DJ eine Frau? Und warum steht die da oben ohne? UNZ UNZ. Naja, warum nicht? Sie wird angesprochen. Von einem Mann, noch einer, ein dritter, dann eine Frau. Sie lässt es zu, aber lehnt ab. Sie sagt danke, lässt gefühlte drei Stunden vergehen und fügt dann das Nein hinzu. Billig trinken. Ist doch klar. Warum nicht?
Die Frau steht auf einer Klippe. Sie guckt nach unten. Nebel. Schwarz. Nichts. Sie raucht. Sie trinkt. Sie wirft die leere Flasche nach unten. Wartet darauf sie zerbrechen zu hören. Nach einiger Zeit: UNZ UNZ.
Hüften kreisen, Arsch wackeln. Woran reibt sie sich denn da? Und seit wann steht der Typ überhaupt hinter ihr? Lasershow, Nebeleffekt. Sie schreit. Der Typ versteht nicht. Sie schreit nochmal. Draußen, rauchen. Er verliert das Bewusstsein und kippt um. Sie raucht weiter. Wo ist sie? Sie raucht. Sie trinkt. Weitermachen. Eine Treppe hinunter. Nein, zwei. Dann eine schwarze, schwere Türe. Sie steht in einem kleinen Zimmer. Darin ein Bett, zwei Nachttische, mehrere Handtücher, ein kleiner Fernseher und eine rote Lampe. Es klingelt. Ein Mann tritt ein. Hauptsache nicht der, dessen Name sie vergessen möchte. Der wievielte? Sie weiß es nicht. Sie rechnet nach, während sie mit dem Kopf gegen das Kopfende stößt und akustischen Beistand leistet. Fertig. Jetzt rechnet sie nach, was sie sich von dem heutigen Verdienst alles leisten kann. Piercing, Nase. Tattoo, Bauch. Stoff, Venen. UNZ UNZ.
Headbangen, als würde man die ganze Zeit etwas heftig bejahen. Sie sagt ja zu diesem Getränk, das da auf dem Tisch steht. Sie sagt ja zu diesem Typen, der da in der Ecke steht. Sie sagt ja zu diesem Club, aus dem immer diese abgestürzten Schnapsleichen torkeln. Sie sagt ja zu Trainspotting.
Die Frau nimmt einen letzten Zug von ihrer Zigarette und springt. Sie fällt durch dicke Nebelschwaden. Ein seltsames Gefühl überkommt sie. Sie weiß, dass es jetzt kein Zurück mehr gibt. Nichts was all das ungeschehen machen könnte. Nichts was sie jetzt noch aufhalten könnte. Nichts außer ein hartes, tödliches Ende. Sie fällt und fällt. Gleich ist es so weit, denkt sie. Denkt sie seit Wochen. Monaten? Sie weiß es nicht. Plötzlich ist neben ihr ein Vogel. Er sieht sie an, zwitschert. Fliegt sie, oder fällt sie? UNZ UNZ UNZ UNZ UNZ UNZ UNZ -------




4. Der freie Maler

Da ist diese Straßenecke. Und an eben jener Straßenecke, in der Nähe eines Cafés, sitzt verbotenerweise, das heißt, der Stadt nicht gemeldet, ein junger Mann vor einer Staffelei, samt Leinwand. Es ist Mittag und die Straßen gut belebt, was dem Mann einiges an Aufmerksamkeit beschert. Viele betrachten ihn, überlegen was er wohl zu malen gedenkt, denn in der Tat ist es so, dass er den Pinsel zwar schon bereit hält, alleine seine Augen sind, in tiefste Grübeleien versunken, auf das tiefe Weiß der Leinwand geheftet. Stunden vergehen, ohne dass er auch nur eine Bewegung unternimmt. Beinahe könnte man meinen, er selbst sei ein in Stein gehauenes Kunstwerk und der eigentliche Künstler schon längst weitergezogen, um sich anderswo zu verewigen und seinem Geist freies Geleit zu geben. Als die Sonne nun schon tiefer steht, und die hohen Dächer der schmalen Gassen lange Schatten über die Pflastersteine des großen Platzes werfen, auf dem unser Maler sitzt, kommt plötzlich ein kleines Mädchen dahergerannt, eben jenem, am Hosenbein zu zupfen. Was er male, will sie wissen, die Mutter dabei frech ignorierend, die erschrocken und entschuldigend hinterhergelaufen kommt, in dem schlimmen Glauben, den Mann mitten in seiner Arbeit gestört zu haben. Dieser jedoch lächelt und antwortet, er wisse es noch nicht, da ihm noch kein geeignetes Motiv eingefallen sei.
Ob sie nicht Modell stehen dürfe, fragt das kleine Mädchen daraufhin, was die ohnehin schon peinlich berührte Mutter nur noch mehr erröten lässt und dazu bewegt, sie nun endgültig am Arm zu packen und fortzuschleifen. Doch ehe sie zwei Schritte getan hatten, willigt der Maler ein, indem er schlichtweg sagt, gewiss, warum nicht.
Die Mutter nicht minder dankbar als ihre Tochter, die sich sogleich in Pose stellt, ist zutiefst überrascht und vergisst beinahe zu fragen, was denn dafür zu bezahlen sei, doch der Maler winkt ab und spricht seinerseits einen großen Dank mit einhergehender Verbeugung aus. So kommt es also, dass er den ersten Pinselstrich seit langem macht. Wir wissen nicht seit wann. Die Möglichkeit, dass sein letzter Jahre her ist, ist ebenso wahrscheinlich, als wäre er erst gestern gewesen. Immer wieder blickt er prüfend zu der Kleinen, die fortlaufend von ihrer Mutter ermahnt wird ja artig und still zu stehen, da der Mann sonst nicht malen könne, wo er doch schon so freundlich sei und keinen Lohn erwarte. Natürlich hat sie vor ihm dennoch etwas zu geben, allein wie viel will sie erst entscheiden, wenn sie das Bild gesehen hat.
Kleine rosa Schuhe, ein rotes Kleid, viel Farbe ist nicht nötig um das Mädchen zu zeichnen und doch steht dieses mehrere Stunden, bis in die Abenddämmerung vor dem Maler, obwohl dieser freilich eine gewisse, nur ihm bekannte Technik anwendet, um alles möglich lebhaft, aber nicht unbedingt detailgetreu zu zeigen, was ihm und seinem Modell viel Zeit erspart. Plötzlich legt er den Pinsel beiseite und dreht die Staffelei nach einem letzten prüfenden Blick um.
Die beiden Frauen, jede in ihrem Alter die Aufregung etwas anders ausdrückend, die Mutter mit offenem Mund und skeptischem Blick, die Tochter lachend und klatschend, erschrecken beide zutiefst, als sie das Bild sehen. Die Tochter beginnt schlagartig zu weinen und die Mutter findet keine Worte, nur ein ungläubiges, von Schauder erfasstes Gestammel. Der Maler indes steht neben seinem Werk und lächelt, die Reaktion offensichtlich genießend. Das Bild ist ihm durchaus gelungen, wie er findet. Er hat sich jeglichen Freiraum gegönnt. Alles angewendet was ihm gerade eingefallen war. Jede Farbe benutzt, die ihm zugerufen hatte und mit Vergnügen gehorcht und zugegriffen. Er hatte den großen Pinsel mit der gleichen Lust geschwungen, wie den Kleinen sachte geführt. Das Kind vergräbt inzwischen das Gesicht in des Mutters Schoß, während diese den Künstler mit Flüchen überhäuft, immer noch schockiert über das Gezeichnete.
Allein dem Maler ist es egal. Das ist sein Werk, seine Arbeit. Er hat getan was er für richtig hielt. Wo ein Steinmetz wild drauf los hämmern darf, wo ein Musiker mit einem Mal das Tempo ändern darf, durfte er malen worauf und wie er eben Lust hat, eben so wie ein Schriftsteller jederzeit die Freiheit besitzt, zwischen Personen, Orten, Zeit, Sprache, Gedanken, Texten und all dem anderen Gewirr, das ihm den Raum zum Atmen gibt zu wechseln. Denn wir sind Menschen die atmen müssen. Die nicht anders können als zu atmen. Die sonst platzen. Und wir atmen mit einem Instrument, dem Pinsel, der Kamera, dem Stift, oder was immer unser Geist eben bezwungen hat um sich auszudrücken. Wir finden einen Weg zu atmen. Unsere Luft und Seele zu kanalisieren. Unseren Gedanken Leben zu geben. Uns mitzuteilen, uns geistig zu vermehren. Wir sind wie eine Pusteblume die sich selbst anpustet um ihr Innerstes davonzutragen, in der geringen, aber einzigen Hoffnung, dass das kleine Nichtssagende Etwas, das wir unser Eigen nennen dürfen, irgendwo und irgendwann keimen wird. Und wer weiß, vielleicht schaffen wir so ein ganzes Feld von unserem Gedankengut. Wir sterben, aber irgendetwas wird schon bleiben. So denken die Künstler. Zumindest denkt so unser junger Maler, der seinen beiden ersten Kunden, auch wenn sie nicht gezahlt haben, hinterherwinkt, um dann, das Bild nicht mitnehmend, weiterzuziehen, in der Hoffnung irgendetwas zu finden. Glück. Sinn. Freude. Liebe vielleicht.
Auf dem Bild sehen wir das Mädchen mit hinter dem Rücken gekreuzten Armen. Ihr Kopf jedoch fehlt. Stattdessen ragt aus ihrem aufgeplatzten Torso ein riesiger Vogelkopf hervor, der mit weit aufgerissenem Schnabel Richtung Himmel schreit.



5. Das brennende Liebespaar

Da ist diese Parkbank. Darauf sitzen diese zwei Menschen. Eine Frau und ein Mann. Und sie sehen sich an, als wollten sie sich verbrennen. Die beiden reden. Er agiert ein wenig zu viel. Berührt sie ein wenig zu oft. Ein wenig zu lang. Wenige Sekunden nur, doch für ihn sind es Stunden. Stunden in denen die Zeit still steht. Sie genießt es. Begehrt zu werden. Spielt das Spiel mit. Dieses Spiel in dem beide gewinnen, oder keiner. Es lodert, lichterloh. Die Bank steht in Flammen und die beiden lachen. Sie bewegen sich nicht mehr. Reden nicht mehr. Sehen sich nur an. Und er verschlingt sie. Es gibt keine Welt mehr, nur noch sie. Diese wunderschöne, verrückte Frau, die ihm nicht nur den Kopf, sondern die ganze Realität verdreht hat. Oben ist unten, links ist rechts und überall ist sie. Jeder Weg führt wieder zu ihr. Alles dreht sich im Kreis, schnurstracks auf sie zu. Logik hat hier keinen Platz mehr. Es gibt da keine Logik mehr. Es gibt nichts mehr. Nur sie.
Wenn sie lacht, wenn sie sich bewegt. Dieses aufbrechende Lachen. Diese unbändigen Bewegungen. Nie weiß er was als Nächstes passiert. Und er liebt es. Er kann nicht anders. Sie packt ihn, rüttelt ihn, holt sein Innerstes aus ihm heraus. All das was er immer sein wollte, aber sich nie zu sein getraut und erlaubt hatte. Sie schenkt ihm Leben. Zeigt ihm wie es ist zu leben. Er lernt leben, er kann es nicht fassen. Und er will sie, er will sie unbedingt. Ihren Körper, ihre Seele, ihr Ein und Alles. Er will da sein. Mit dazugehören. Er will das erleben, will sie erleben. Will sich vereinigen. Er muss sie spüren! Denn sie ist leben. Sie symbolisiert das Leben mit allem was dazu gehört. Schmerz, so viel Schmerz, Tod, Kampf, Sieg. Sie ist Sex, Party, Melancholie, Fürsorge, Liebe, Familie, Freunde. Sie ist ewig und nichts. Sie ist auf und ab. Sie ist alles. Sie ist...es gibt kein Wort. Aber er fühlt Liebe. So viel Liebe. Und so oft er auch versucht zu begreifen was sie ist. Zu verstehen was das bedeutet, das alles. Er findet keine Antworten. Und auch das ist Leben. Sie ist Leben. Sie ist...Liebe.
Und sie weiß das. Natürlich weiß sie es. Jeder weiß es. Jeder sieht es. Sie vernichten sich. Denn es gibt kein Zusammenkommen. Alles ist so kompliziert. So einfach wenn er sie ansieht, so kompliziert wenn das drumherum dazukommt. Die Welt, die Realität, die Umstände. Zwei Magnete, die in ständiger Wechselwirkung zueinander stehen. Anziehen, abstoßen, anziehen, abstoßen. Lieben, hassen. Küssen, verfluchen. Helfen, streiten. Liebe, Kummer.
Am Liebsten würden sie sich in die Arme fallen und alles andere ausschalten. Am Liebsten würden sie fliehen. Ans Meer. Weg von allem. Ein Meer, so weit weg, dass sie sich gar nicht mehr sicher sind, noch auf der Welt zu sein. Im All, verbunden auf Ewig. Schwebend in die Unendlichkeit. Einfach vor sich hin treiben. Kein hassen, fluchen und streiten mehr. Kein Kummer. Nur eine eng umschlungene Ewigkeit in Liebe ergeben.
Stattdessen sitzen sie auf dieser Bank. Und reden. Und gestikulieren etwas zu viel. Und stehen in Flammen. Und verbrennen. Zerfallen zu Asche. In ein fahles Leben hinein. Sie verlieren das Spiel.
Der Vogel fliegt weiter.
Und aus der Asche steigt ein Phönix.
Der Vogel fliegt weiter.
Und das Spiel beginnt von vorne.
Er fliegt weiter. Ans Meer.



6. Das Touristenpärchen

Da ist dieses Touristenpärchen. Sie Sonnenhut, er Karohemd. Tag für Tag sind sie unterwegs, immer wo anders. Es gibt so gut wie keinen Ort mehr, an dem sie noch nicht waren. Jede Sehenswürdigkeit wurde fotografiert, jede Stadt durchstreift, jeder Berg erklommen. Die Täler wurden bewandert, die Meere überquert, die Höhlen erforscht. Sie kennen alle kulinarischen Spezialitäten und können sich bei jedem traditionellen Tanz einreihen. Sie sind in jeder Kultur zuhause und kein Fleck dieser Welt, ist ihnen unbekannt. Sie liebt die Natur, er die Architektur. Sie liebt das Weltliche, er die Religionen. Sie ergänzen sich. Stehen vor den verschiedensten Bauwerken. Sie mit einem Prospekt, er mit einer Kamera. Alles wird genauestens betrachtet, bewundert, bestaunt. Sie saugen Kulturen ein, inhalieren ganze Länder, Sitten und Bräuche.
In dieser einen Seitengasse, in diesem einen Dorf, da gibt es diesen Essensstand. Dort haben sie sich kennengelernt. Beide auf der Durchreise. Sie Sonnenbrille, er Socken in Sandalen.
Und wo kommen Sie her? Oh, ich will eigentlich wo ganz anders hin. Sie auch, ach wirklich. Wohin? Jaja, mein ganzes Leben schon. Kann man sich da anschließen, für ein zwei Tage?
Es wurden Wochen, wurden Jahre, ein Leben. Sie spazieren am Strand und sehen der Sonne beim Untergehen zu, stehen auf dem höchsten Berg des Landes und warten auf ihren Aufgang.
Alles gesehen, alles erlebt. Sie haben das alles durch. Sie kennen das alles. Das Schöne, das Schlechte. Die Unterschiede und die Gemeinsamkeiten. Ihre Augen haben gesehen, ihre Nase gerochen, ihre Ohren gehört und ihre Münder geschmeckt, was die Welt zu bieten hat.
Auf einmal bleibt sie stehen, sieht ihn lange an und fragt: „Du, was ich schon immer mal wissen wollte. Wie heißt du eigentlich?“
Er will nicht gleich antworten, schließlich haben sie Jahrzehnte lang nicht miteinander geredet. Das war ja das Schöne. Er überlegt. Eigentlich würde er viel lieber weiterreisen, aber sie waren ja schon überall. Sie haben sich mit der ganzen Welt auseinandergesetzt. Mit allem.Und jetzt, wo sie das geschafft haben, steht sie da plötzlich und will seinen Namen wissen. Was soll denn das?
„Wie du heißt habe ich gefragt?“
„Hab dich schon verstanden.“
„Nun, also?“
„Muss das jetzt sein?“
„Ich weiß nicht.“
„Warum fragst du dann?“
„Ich dachte, dass macht man so. Oder?“
„Hat doch bis jetzt alles wunderbar geklappt.“
Und wie es geklappt hat. All die verrückten Nächte mit ihm. Unter freiem Himmel, in Hotelzimmern jeglicher Sorte, in einem Iglu, im Auto, im Zug. Im Flugzeug, in der Wüste, in einer Höhle, oh Gott die Höhle, was für ein Echo. Und dann erst diese Stalagmiten. Nur geredet haben sie eben nie. Warum eigentlich nicht? Es hatte doch genügend Anlässe gegeben. Das eine Mal zum Beispiel, als sie in der Wüste ihre Wasserflasche verloren hatte. Sie hätte ihn nur um einen Schluck aus seiner bitten müssen, aber sie hatte einfach keine Lust ihn anzusprechen. Sprechen ist ja auch so furchtbar anstrengend. Wenn man sich mit seinem Gegenüber auseinandersetzen muss. Also so wirklich. Wenn der plötzlich anfängt von sich zu erzählen. Von seinen Gefühlen und so. Wenn da dann so etwas kommt wie: „Ich liebe dich“, bloß nicht. Dann lieber Ficken am Strand ohne Handtuch. Nur halb so schön wie man sich das vorstellt übrigens. Man hat das ewig in jeglicher Ritze hängen. Aber immer noch besser als dieses Gerede, dieses Fühlen. Sich spüren, sich öffnen. In sich gehen, in jemand anderen gehen. Jemanden herein lassen. Es heißt nicht umsonst, man darf Dracula niemals in sein Haus bitten. Der saugt dich sonst aus. Nimmt dir dein Leben, dein Innerstes. Das gehört doch ihr, das geht ihn gar nichts an. Der soll nicht in sie dringen. Zumindest nicht so. Sie will das alles nicht. Wenn er dann da so in sie abtaucht und sie erforscht wie einer dieser Höhlen. Und all ihre geheimen Gänge sieht. All die dunklen Ecken, die tränennassen Wände. Sie will auch ihn nicht sehen, ihr reicht sein Körper. Alles darunter, das ist so viel, so kompliziert. So unfassbar kompliziert. Das will doch keiner. Warum tun sich Menschen das nur an? Dieses in Gefühlen wühlen, nachdenken und ewige Nörgeln. Dieses lieben und hassen und jemanden auffressen wollen.  Jemandem alles hingeben. Für jemanden ausbluten, sich ausleeren, alles ausbreiten, sich zerlegen, in der Hoffnung wieder zusammengesetzt zu werden. Sich völlig in jemandem auflösen. In diesem einzigartigen Menschen zergehen, aufgehen. Zusammen ineinander keimen und wachsen und lieben und blühen und ernten und genießen! Auf ewig in dieser unbändigen Kraft einander ergeben.
„Ich heiße Gustav.“, antwortet er schließlich. „Und du?“
„Ach nicht so wichtig.“
Puh, das war knapp, denken sich die beiden.
Seltsame Unterhaltung, denkt sich der Vogel.


Intermezzo 1

Da ist dieser Zuhörer. Er hört diesem Mann beim Lesen zu. Er macht sich Gedanken. Schweift ab, versucht weiter zu folgen. Fühlt sich angesprochen. Versteht überhaupt nichts. Fragt nach dem Sinn und dem Grund. Der Mann der liest, der tut das auch.
Draußen fliegt ein Vogel.


7. Die Realität

Da ist diese Realität. Sie fühlt sich nicht wahrgenommen. Verdrängt und vertrieben. Sie verliert  langsam den Glauben an sich selbst. Wenn sie in den Spiegel guckt, ist sie nicht sicher was sie sieht. Sie weiß nicht mehr was sie ist, oder ob sie ist. Vor allem, warum sie ist. Jeder will ihr entkommen, sie zurecht biegen. Sie sich zu eigen machen. Umschreiben. Auf den Leib schneidern. Dem Leben anpassen. Was ist sie denn nun? Ist blau, blau? Ist ein Stuhl, ein Stuhl? Kann sie diese absolute Sicherheit noch bieten? Sie weiß es nicht. Dann sind da diese vielen Handys, und Hashtags und Hast du nicht gesehen. Fake News, Fake News. Ist sie selbst real? Überall wird die Realität hinterfragt. Ist sie nicht omnipräsent? Ist sie nicht allumgreifend? Ist sie nicht unendlich? Zumindest war sie das einmal. Da wird philosophiert und gelesen und geschrieben, alles sei anders als geglaubt. Damals war damals und heute ist heute, und nichts ist mehr so wie es einmal war und wird auch nie wieder so sein. Bin ich das?, fragt sie sich, die Realität. Bin ich nicht alles? Bin ich Gedanken, oder Gespräche? Oder bin ich nur das was man sieht? Bin ich mehr, oder weniger? Werde ich benannt, habe ich einen Namen? Ist Realität nur ein Spitzname, und von wem habe ich ihn bekommen, wie heiße ich eigentlich wirklich? Was ist wirklich? Wenn ich wirklich bin, ist dann alles wirklich?
Und während sie sich das fragt, stirbt sie, gebärt sie. Kinder. Tote. Unfall. Sex. Da ist doch kein Unterschied mehr zwischen Ende und Anfang. Alles schon gesehen. Ein ewiges Wiederkommen, eine ewige Vermehrung, eine ewig werdende Überbevölkerung. Ende nicht in Sicht. Ist sie Zerstörung ebenso wie Liebe? Sie fragt sich, quält sich, während in ihr die Zeit unweigerlich dahintreibt. Oder treibt die Zeit die Realität?
Stopp! Bitte alle aussteigen. Das wird ihr jetzt zu viel. Sie kann nicht mehr. Sie versteht das einfach alles nicht mehr. Da sind so viele Fragen, und wenn sie wirklich die Realität wäre, wenn sie wirklich alles wäre, dann wäre sie doch auch die Antworten. Frage und Antwort in einem. Aber eine Frage kann nur eine Frage sein, wenn es noch keine Antwort gibt und eine Antwort nur eine Antwort wenn eine Frage abgeschlossen wurde. Anfang und Ende. Beides gleichzeitig. Verschmolzen. Ist das möglich? Ist das real? Ist das Tatsache? Und wo fängt das an? Nichts ist absolut, gar nichts. Essen ist nicht gleich Essen. Hunger ist nicht gleich Hunger. Die Realität kennt alles dazwischen. Spürt das Völlegefühl und die Not aufessen zu müssen, die Lust am Essen, und den Hungertod. Sie ist alles. Sie ist Humor. Ist aber nicht witzig. Lacht und lacht nicht. Ist sie das was Gott genannt wird? Oder ist da noch was über ihr? Und wen fragt sie das eigentlich alles? Sich selbst? Und hat sie sich das schon mal gefragt und im nächsten Moment beantwortet? Wiederholt sie sich? Da sind so viele Fragen, und wenn sie wirklich die Realität wäre, wenn sie wirklich alles wäre, dann wäre sie doch auch die Antworten.
War sie hier schon? Ist sie dazu verdammt immer zu zweifeln? Immer zu hinterfragen und hinterfragt zu werden. War das nicht mal anders? Sie verliert den Glauben an sich. Verliert. Das heißt sie hatte ihn mal. Selbstbewusstsein. Ein starkes Auftreten, eine Gewissheit. Oder? Seit wann ist das denn nur so? Schon immer? Hält dieses Leid etwa tatsächlich schon so lange an, dass sie nicht mehr weiß wann es begonnen hat? Hat es überhaupt begonnen? Alles hat ein Anfang. Anfang und Ende auf ewig das Gleiche. Und Ende ist Anfang. Aber wenn der Anfang das Leid bringt, ist dann das Ende Freude? Und wenn Ende und Anfang das Gleiche sind, kann Leid dann nicht einfach Freude sein?




8. Der Behinderte

Da ist dieser geistig Behinderte. Er kann sich nicht bewegen. Er weiß nicht warum. Er liegt in einem weißen Raum. Auf seiner Wolke. Alle anderen sagen Bett. Er nennt es Wolke. Irgendwann kommt ein Mann herein. Sieht sich kurz um und geht wieder. Es war sein Vater. Dann kommt die Frau herein. Die mag er am liebsten. Sie ist nett. Sie gibt ihm Essen, macht ihn sauber und hilft ihm sogar wenn das Essen wieder Tschüss sagt. Er nennt sie Nana. Manchmal sagt er es auch. Er muss immer lachen wenn sie kommt. Also nicht immer. Weil oft, da ist er auch traurig. Er weiß nicht genau warum. Aber irgendwas in ihm macht ihn traurig. Aber dann gibt es Wackelpudding und er ist wieder glücklich. Dank Nana.
Nana bringt ihm auch oft kleine bunte Stückchen, die er schlucken muss. Das mag er nicht. Die bleiben manchmal stecken. Das tut dann weh. Am liebsten guckt er aus dem Fenster. Es passiert zwar nicht viel, aber da steht ein Baum. Und Wiese ist da auch. Mal ist es bunt, mal grün, mal weiß.  Und manchmal grau. Und verwischt. Dann ist das Fenster aber immer zu.
Der geistig Behinderte hat nur noch einen Vater. Seine Mutter starb bei seiner Geburt. Aber das weiß er nicht. Er weiß eigentlich gar nichts. Aber er fühlt sehr viel. Wenn sein Vater hereinkommt zum Beispiel, fühlt er sich immer schuldig. Auch wenn er kein Wort versteht, von dem was dieser manchmal traurige, manchmal wütende Mann sagt. Und er sagt fast nie was. Er kommt nur rein, wenn er denn mal kommt, sieht sich um, ganz selten sieht er auch ihn an, und geht dann wieder. Aber er hat ja Nana. Wenn sie kommt ist die Welt bunt. Sie spielt mit ihm, bringt ihn zum lachen. Streichelt ihn. Er mag es von ihr berührt zu werden. Wenn sie ihm über den Kopf streichelt, oder seine Hand nimmt.
Irgendwann aber kommt Nana immer seltener. Und wenn sie da ist, dann nicht mehr so lang wie früher. Sie streitet mit dem Mann. Der geistig Behinderte hat Angst und schreit. Der Mann, sein Vater, er schreit auch. Schreit ihn an. Er fühlt sich schuldig. Schlecht. Traurig.
Allein.
Nana ist immer so schnell wieder weg. Sie macht alles schnell. Sie wäscht ihn schnell. Füttert ihn schnell. Und Spielen will sie gar nicht mehr. Das macht ihn traurig. Sehr traurig.
Streit. Sie kommt. Geht. Vater rein. Kopfschütteln, Tränen. Geht. Nana kommt. Füttert. Geht. Essen steht noch da.
Vor dem Fenster landet ein Vogel. Er singt ein schönes Lied. Zwitscher, zwitscher. Der geistig Behinderte mag das Lied. Zwitscher, zwitscher. Er zwitschert zurück. Der Vogel singt mit ihm. Sitzt auf dem Baum und singt mit ihm. Singt ein trauriges, einsames Lied. Nana kommt und sie singen immer noch. Der Mann kommt und sie singen immer noch. Ein Lied über so viel. So viel Fühlen. So viel Fühlen. Der geistig Behinderte weiß nichts von zu wenig Pflegekräften, überfüllten Krankenhäusern, oder Walkampfversprechen. Aber er fühlt es. Zwitscher, zwitscher. Er fühlt alles.


9. Das Nazieichhörnchen

Da ist dieser schöne Wald. Prachtvoll, groß, majestätisch. Darin sitzt der Vogel auf einem Baum und belauscht ein Gespräch von zwei Eichhörnchen.
„Hey, du.“
„Was´n.“
„Du, ich möchte eigentlich nichts sagen, aber das ist eigentlich mein Wald.“
„Was? Wie dein Wald? Willst du mich verarschen?“
„Nein.“
„Hast du den gekauft, oder was?“
„Nein.“
„Kannst du nämlich nicht, bist n Eichhörnchen.“
„Ja, ich weiß.“
„Gut, dachte schon. Sonst wär das jetzt n echt freaky Gespräch geworden. So mit nem persönlichkeitsgestörten Eichhörnchen. Nicht dass du plötzlich vom Baum springst, weil du denkst du kannst fliegen.“
„Nein. Ich wollte nur sagen, willkommen! Es freut mich, dass du da bist, wirklich, ist nett, dass du hier bist, ich mag das, ist ja auch genug Platz da und so, nur, bitte könntest du berücksichtigen, dass das mein – also das ich hier zuerst da war und du bitte gewisse Regeln befolgst. Ach Regeln, das klingt ja viel zu hart. Mehr so, Richtlinien, sagen wir Orientierungsgedanken. Auch gar nichts Schlimmes oder so. Nur warte doch noch ein paar Monate, bevor du mit dem Nüsse sammeln anfängst. Im Winter darfst du dann. Aber bitte nicht sterben, sonst heißt das nur wieder ich war das. Ich will hier ja keinen Streit. Einfach erst mal nichts machen, ja? Also jetzt nicht nichts, sollst dich schon auch hier im Wald beteiligen, mithelfen und so. Aber mach einfach erst mal bisschen piano. Guck dir alles an, schau dich um, ist ein freier Wald. Aber zuerst bleibst du vielleicht mal hier auf diesem Baum. Nicht, dass du plötzlich merkst, dass du doch wieder zurück in einen anderen Wald willst. Das wäre die Mühe ja auch nicht wert. Bevor wir uns da jetzt unnötig aneinander gewöhnen. Wäre ja blöd. Also ich meine, ich gewöhne mich ohnehin an dich, muss ich ja, ich weiß ja, dass du da bist. Auch wenn du jetzt nur hier auf diesem Baum bist. Man weiß ja nie. Also, nimm´s mir bitte nicht übel, aber ich kenn´ dich ja gar nicht. Was weiß ich, wo du herkommst und was man da so macht. - Nein, ich will´s gar nicht wissen, sag nichts. Ich kann´s mir schon vorstellen. Grauenhaft. Tut mir leid. Also denk ich. Was du alles erleben musstest. Keine Ahnung. Entschuldige. Ich mein, du kannst ja auch jederzeit zurück. Wie du willst. Mein ja nur. Das ist ein freier Wald. Du hast die Freiheit dort hinzugehen, wo immer du willst, und wenn du lieber heim willst, dann...Naja egal, jetzt bleib erst mal hier auf dem Baum, ist kein Problem, mach ich gerne, du wartest einfach, und wenn du irgendwelche Fragen hast, dann...du, man sieht sich schon mal wieder. Also willkommen und fühl dich ganz wie zuhause.“
„Äh, danke. Aber ich bin eigentlich nur auf Durchreise.“ Sagte das Eichhörnchen und verschwand.
Das andere Eichhörnchen bleibt zurück und lächelt zufrieden. Der Vogel redet mit ihm. Zwitschert und pfeift. Das Eichhörnchen antwortet. Fiept und schnalzt.
Es nützt nichts. Die beiden verstehen sich nicht. Aus irgendeinem Grund reden sie aneinander vorbei.
Schade, denkt sich der Vogel und fliegt weiter. Bei so jemandem will er nicht bleiben.



10. Der Reichsbürger

Da ist dieses Tagebuch. Der Vogel liest einen Eintrag.
21.3.2018
Ich habe eine Spur. Ich bin da auf was ganz Großes gestoßen. Ich hab das recherchiert. Im Internet. In Wirklichkeit bin ich gar kein Mensch. Es gibt schließlich keinen Vertrag, dem ich zugestimmt habe, dass die Definition Mensch auf mich zutrifft. Auch wenn dem so ist, aber das tut ja nichts zur Sache. Es geht um´s Prinzip. Es gibt kein Dokument, nichts. Das heißt, sämtliche Gesetze, alles bisher Festgelegte, gilt für mich nicht. Auch die Vergangenheit nicht. Zum Beispiel gibt es keinen Grund für mich Steuern zu zahlen. Und wenn der Postbote mir morgen einen „Guten Tag“ wünscht, dann werde ich mit Vergnügen antworten: „Leck mich am Arsch!“, und zwar einfach weil ich es kann. Ich muss mich nicht an gesellschaftliche Konventionen halten, weil ich kein Teil der Gesellschaft bin. Vielleicht bin ich ja auch einfach mehr? Man beweise mir das Gegenteil! Man beweise mir, dass ich zum Beispiel, nicht Gott bin! Im Zweifel für den Angeklagten, so heißt es doch. Ich kann alles machen, werde alles machen, was euch verwehrt bleibt. Euch Menschen. Ich kann stehlen, morden, fremdgehen, für mich gibt es keine Folgen und keine Strafe. Ich bin kein Mensch. Ich stehe über den Dingen. 1,65 m groß und trotzdem über euch. Ich bin euer Boss, euer Endgegner, Gott, Allah, Buddha, Jesus und wie sie alle heißen. Alles bin ich für euch, nur eben kein Mensch. Ihr könnt gerne zu mir beten, tut euch keinen Zwang an. Ihr bleibt dennoch was ihr seid, einfache, unbedeutende Menschen. Meine Meinung und mein Wort wird immer über dem euren stehen. Das alles hier ist mein Reich. Das ist nicht mehr Deutschland, oder  Europa. Das ist ab jetzt: Phantasialand. So soll es heißen.
Und der Erlebnispark wird umbenannt oder abgerissen. Ich glaube meinen Regierungssitz werde ich irgendwo am Strand errichten, mit Blick auf´s Meer. Vielleicht lasse ich einen Turm errichten. So hoch, dass ich auf ewig über euch stehe. Metaphorisch und tatsächlich. Ich werde auf euch alle herabblicken. Über die ganze Welt. Auch über das Ausland. Also den Amerikanern und Afrikanern. Das sind ja auch nur Menschen. Pech wenn die, die Realität nicht erkennen. Mir gelingt das ja auch erst seit kurzem. Vielleicht sollte ich mir das patentieren lassen. Auf immer und ewig bin ich dann der einzig wahre Nicht-Mensch. Ein Gott. Ein König. Ein Gottkönig. Der größte Gottkönig in der Geschichte der Menschheit. Wobei, ich bin ja kein Mensch. Kann ich dann eigentlich noch etwas patentieren lassen, wenn ich kein Mensch bin?
Egal, das wird sich klären. Ich stehe schließlich auch über dem Patentamt.
Ich sollte eine Biographie schreiben. Und ein jeder soll sie besitzen und lesen, weil ich das so will. Die neue Bibel, wenn man so will. Ich bin euer Gott, eure Religion. Im Gegensatz zu euren alten Göttern, bin ich wenigstens real und ansprechbar. Und wenn ihr Glück habt, werde ich sogar antworten. Wobei ihr mir ehrlich gesagt ziemlich am Arsch vorbei geht. Von daher, wird wohl doch alles beim Alten bleiben. Also für euch zumindest.
Ich enthebe mich. Ich sage mich vom Menschsein los. Ich bin mehr! Preiset mich. Heil mir.
Der Vogel übergibt sich.



11. Sylvester

Da ist dieser Tag an dem alle Menschen glücklich sind. Er läutet ein neues Jahr ein. Geschafft. Schön war´s. Viel Freude, Glück und Gesundheit sei auch mit dabei. Auf 2019, auf 2476, auf 5813. Auf ein Neues, auf ein Neues. Sie sind so glücklich. Alle sind so glücklich. Sie sind so glücklich, dass sie weinen. Alles ist so schön. Und alle schreien und jubeln. Und alle zählen.
10!!
Sekt wird geköpft, es wird getrunken, gefeiert, getanzt, geküsst, geknuddelt. Bussi, Bussi. Babyboom. Jedes Jahr. The same procedure as every year. Man sind wir gut drauf alle. Das ist so toll. Alles ist plötzlich so leicht und so schön. Alles ist so einfach. Keinerlei Sorgen im Moment. Mama ich hab dich so lieb. Papa, wie schön, dass es dich gibt. Opa, wir schießen eine Rakete für dich rauf.
9!!
So viele Raketen. Farben, Glitzer. Es knallt und kracht. Scheiß auf die Umwelt, wir schießen den Vögeln Raketen in den Arsch. Heute geht’s um die Menschen. Heute sind wir alle froh, glücklich, alle so, so mega gut drauf! Das muss man erlebt haben. Das kann man nicht beschreiben. Jeder Mensch, einfach alle, alle Menschen feiern das. Also fast. Also fast alle. Die, die das kennen und nicht gerade im Meer ersaufen.
8!!
Aber die meisten. Da wird eingekauft und Geld aus dem Fenster geschmissen, aber hey, dieser Tag ist ja nur einmal im Jahr. Jedes Jahr. Das ist Kult. Tradition. Das gehört zu diesem Land dazu. Zu dieser Welt. Zu diesem System. Und niemand kommt dagegen an. Selbst die, die es wollen. Du wirst da einfach mitgerissen von dieser guten Laune, und andererseits dieser Melancholie, dieser Ich-bin-voll-drüber-Stimmung. Dieser Mein-Leben-ist-eigentlich-mega-scheiße-aber-heute-mal-nicht-Stimmung.
7!!
Diese Stimmung bringt dich zum heulen. So schön ist das. Das ist so schön. Da sind Männer die weinen. Da weinen tatsächlich Männer. Gibt´s das? Männer? Und keiner weiß, warum sie weinen, aber sie tun es. Heimlich natürlich. Aber irgendetwas ist an diesem Tag in der Luft. Abgesehen von dem Raketenrauch versteht sich. Irgendetwas, das Menschen glücklich macht. Alle sind so glücklich. So anders.
6!!
Sie alle sind eine große Familie. Die ganze Welt. Alle Menschen die darauf leben. Also fast alle, aber das ist ja klar. Nicht jedes Land kann da dazu gezählt werden. Also zur Welt. Das ist mehr so Anhang. So Geschwüre. Wie so Pickel. Die müssen weg, die stören. Raketenrauch.
5!!
Da sind Männer die weinen. Und überall nur Bleigießen. Jeder gießt da Blei. Kinder, Frauen. Was die Zukunft wohl bringt? Überall nur Lärm und Rauch. Mitten in der Nacht. Das kann man sich gar Luft. Also nicht alle. Und du weinst. Schüsse. Wirklich, du weinst. Schüsse. Weil irgendetwas ist nicht vorstellen, da muss man dabei gewesen sein.
4!!
Der ganze Horizont glüht. Feuerrot. Ringsherum. Und alle sind plötzlich so gleich. Alle sind so eins. Fremde, die sich noch nie gesehen haben, stehen sich plötzlich so nahe, als wären sie Familie. Und dann umschlingt man sich. Presst seinen Gegenüber ganz fest an sich.
3!!
Einfach alle. Kinder, Alte, Männer, Frauen, alle! Sie rennen umher und alle schießen Raketen in die Luft. Also nicht alle. Und du weinst. Schüsse. Wirklich, du weinst. Schüsse. Weil irgendetwas ist nicht vorstellen, da muss man dabei gewesen sein.
da.da.
2!!
Irgendetwas nimmt dir die Luft. Du weißt nicht was. Es ist so verdammt überwältigend. Dieses Gefühl. Es ist wie ein Ziehen, ein Zerren. Ein Stechen und Drücken. Dein Magen zieht sich zusammen.
1!!
Und du siehst an dir herab und du merkst
FROHES NEUES!!



12. Der Vogeltraum

Da ist dieser Traum. Es ist ein Traum des Vogels. Das erste was ihm auffällt, ist die Tatsache, dass er nicht mehr fliegen kann. Am Ende seiner Flügel, die plötzlich Gelenke besitzen, befinden sich nun zwei Hände, die jeweils fest eine Pistole gepackt halten. Neben ihm, nein, mit ihm marschieren weitere Vögel, ausgerüstet mit alten Gewehren, Pflastersteinen, Glasflaschen, Messern, alles was sie zu fassen bekamen, funktionierten sie in Waffen um. Die teils vermummte, teils randalierende, teils zurückhaltende Menge stimmt in ein gemeinsames, pulsierendes Lied ein, das ihren Schritt beschleunigt und bestärkt. Die Melodie und das dadurch entstehende Vibrieren in den Brustkörben, festigt den starken Willen der grölenden Meute. Der Vogel weiß es, denn auch ihm geht es so. Endlich werden die Ketten der Sklaverei gesprengt, die stille und unsichtbare Unterdrückung aufgehoben, das System gestürzt, damit sich die Vögel frei entfalten und entwickeln können.
Inzwischen sind ihre Feinde in Sicht. Die Schmetterlinge. Die zartesten, prächtigsten Geschöpfe, wohl wahr, wunderschön anzusehen und die Vollendung einer blühenden Wiese im Frühling. Doch eben jene Geschöpfe haben einen Freund des Vogels zu Tode gefoltert. Ihm Federn gerupft, Augen ausgestochen und den Schnabel abgehackt. Bilder tauchen vor seinem inneren Auge auf, als wäre es gestern und er mit dabei gewesen. Tausende und abertausende Vögel, gequält, gedemütigt, getötet von den bösartigsten Kreaturen dieser grausamen Welt. Den bunten Schmetterlingen. Seit Jahrtausenden, hineinreichend in das Vergessene, werden sie alle von diesen Monstern klein gehalten. Die Vögel arbeiten, die Schmetterlinge profitieren. Die Vögel putzen, die Schmetterlinge machen den Dreck. Die Vögel sterben, die Schmetterlinge leben. Doch genau dies soll sich heute ändern. Und fest entschlossen alles zu verlieren, was eigentlich so gut wie nichts ist, oder eben alles zu gewinnen, stürmen die Vögel ohne vorherige Absprache, als hätte ein kollektiver Impuls sie unter Strom gesetzt, auf die Schmetterlinge zu. Die wütende, schäumende Welle baut sich auf und wird erneut von einem gewaltigen, elektrisierenden Ruck gepackt, der die Vögel dazu bringt, blind in die Menge der Schmetterlinge, zu werfen und zu feuern.
Keine Sekunde später, geben diese Antwort mit deutlich mehr und dazu noch moderneren, schnelleren Waffen. Auch unser Vogel schießt. Blind, wild, hemmungslos. Wie in Ekstase schießt er auf alles was bunt ist. Unwissend wo seine Patronen einschlagen, oder ob er überhaupt schon irgendetwas außer den Boden vor sich getroffen hat, drückt er immer und immer wieder den Abzug. Muss aus einem unerfindlichen Grund auch nicht nachladen. Nur schießen. Immer wieder. Weiter und weiter. Und er trifft. Sieht es jetzt. Ganz deutlich. Während alle anderen Vögel sterben, zurückfallen oder in Deckung gehen, schreitet er unbeirrt voran und zerreißt vor sich ganze Reihen mit seinen Kugeln. Teilt mit seinen Pistolen die Schmetterlinge, wie Moses das Meer. Schießt Schneise um Schneise in die feindliche Menge.
Schreit. Hört sein eigenes wütendes Gebrüll durch die ganze Stadt dringen. So laut, dass er vor sich selbst erschrickt.
Dann verstummt er plötzlich und hört auf zu schießen.
Vor ihm ein Meer aus Blut. Darin die zuckenden, bunten Leichen der Schmetterlinge.
Und in dem Moment, als sämtliche, überlebenden Vögel hinter ihm in Jubel ausbrechen, sackt er auf die Knie und registriert, dass sein ganzer Körper mit Blei vollgepumpt wurde und Löcher ihn durchsieben. Unaufhaltsam strömt Blut aus ihm hervor. Und noch während er versucht die logische, unwiderrufliche Schlussfolgerung daraus zu ziehen, fällt er tot um.
Und wacht auf.



Intermezzo 2

Der Zuhörer kratzt sich am Bauch. Was dieser Mann da vorne sagt ruft irgendwie Bilder hervor. Er assoziiert, er...assoziieren, was für ein lustiges Wort. Ey, du Asso! Warum eigentlich Assi, obwohl es doch AssOzialer heißt. Da wäre Asso doch eigentlich viel passender. Klingt wie n Hund. Asso. Komm Asso, gib Pfote. Asso..
Komm hol das Lasso raus, wir spielen Cowboy und Indianer.



13. Verlust des Geldbeutels

Da ist dieses Festival. Eine Band spielt gerade ihr bekanntestes Stück und die Menge tobt. Man tanzt, man trinkt, man lacht. Man passt nicht auf. Da wird die Handtasche einer jungen Frau gestohlen. Sie lag direkt neben ihr. Auf der Decke, auf der sie mit ihren Freunden sitzt. Und keiner hat es bemerkt, weil sie alle wie gebannt der Band zusehen. Der Schlussakkord erklingt, verklingt. Applaus. Die Menge feiert. Und erst jetzt wird der jungen Frau bewusst, dass ihr etwas fehlt. Einiges sogar. In der Handtasche befand sich ihr Geldbeutel, ihr Handy, ihre Wohnungsschlüssel, ihre Autoschlüssel und sogar die Schlüssel für ihr Fahrradschloss. Weg. Einfach weg. Zuerst sucht sie noch wie wild, die Hoffnung nicht aufgebend. Aber nach wenigen Minuten verfällt sie in zornige Gewissheit die ihr die Tränen in die Augen treiben.
„Wer tut so etwas? Woher nimmt sich diese Person das Recht mir das alles wegzunehmen? Ist ihr denn nicht klar, dass da mehr drin ist, als nur Geld? Scheiß doch auf das Geld. Ich verdopple, ach was, verdreifache den Geldbetrag, wenn ich den Rest zurückbekomme! Der Schlüsselanhänger von meinem Verlobten, mein erstes Flugticket von damals nach Prag, meine ganzen Bilder auf dem Handy. Diese Erinnerungen, dieses Unersetzliche. Warum wird mir das jetzt weggenommen? Ich brauche das doch. Das bin ich. Und jetzt ist das nicht mehr da. Diese ganzen Anker. Ich hab mich daran doch festgehalten. Wie kann man denn so etwas nicht berücksichtigen? Mein Mann, den ich so sehr liebe, der so toll ist, der mir alles gibt, der hier, hier tief in meinem Herzen schlägt, den Rhythmus meines Herzens, der wie wild darauf herum trommelt, wenn er in physischer Gestalt neben mir steht, mich ansieht, wenn ich an ihn denke, und ich denke dauernd an ihn, und wie er mir dann diesen Anhänger geschenkt hat damals. Einfach so, hatte er gesagt, er wisse auch nicht wirklich warum, ich solle ihn einfach nehmen. Er hätte ihn gesehen und an mich gedacht. Warum es ein Herz ist könne er jetzt auch nicht sagen, er dachte halt. Und wie schön das war. Dieser Idiot so bescheuert, so romantisch, wie er da stand, mit diesem kitschigen, scheiß Herzanhänger, den ich jetzt seit Jahren an meinem Schlüssel trage, und küsse, wenn ich ihn vermisse, diesen wundervollen Mann, der jetzt nicht mehr dieser unbeholfene Vollidiot, aber dafür ständig unterwegs ist und Geld verdient, Geld verdienen muss. Aber scheiß doch auf das Geld, ich verzehnfache den Vertrag, ich will diesen Anhänger. Das ist Erinnerung, das ist ein Teil meines Lebens, das kann man doch nicht einfach so herausreißen.
Meine beste Freundin mit der ich in Prag war vor so vielen Jahren, mein erster Flug überhaupt. Ich hatte die Hosen so voll, nicht nur wegen des Fluges, wegen allem. Das alleine weg sein, weit weg sein, das auf sich gestellt sein, die Konfrontation mit der großen, weiten Welt hineingezwängt in eine Stadt namens Prag, und dabei Nicole, Nicky, die beste, die größte, die immer noch bei mir ist, mir zur Seite steht, so wie ich ihr zur Seite stehe, seit jeher, seit dem wir Prag gemeistert hatben, seitdem kann uns nichts mehr aufhalten. Wir hatten alleine zu Essen bestellt, alleine Geld abgehoben, alleine getanzt, alleine getrunken, alleine gekotzt, alleine Männer aufgerissen, alleine gelebt, IN EINER FREMDEN WELT, in der GANZEN WELT, in Prag, alleine zu zweit. Und das Ticket von damals, weg, alles weg. Ausgelöscht. Was keinen Beweis hat, existiert nicht mehr! Das muss doch klar sein.
Die ganzen Bilder, alle Erlebnisse, der letzten vier Jahre. 5000 Bilder. All das ist tot, war einmal. Schlimmer, war überhaupt nicht. Ist nie passiert. Die vielen Feste, der Spaß, die Babyfotos, die Katzenfotos, die Selfies, die Freunde, die Orte, die Sonnenuntergänge, all diese Tage, vier Jahre, gelöscht, auf und davon, vom Winde verweht. Wie kann ein Mensch, einem anderen Menschen so etwas antun? Einem vier Jahre einfach so aus der Brust reißen. Ich brauch das doch um zu leben, um zu sehen, um zu wissen. Um zu sein.“
Ihr Mann steht neben ihr, hält sie im Arm. Tröstet sie. Aber sie erkennt ihn nicht mehr. Fühlt sich fremd in seiner Nähe.
Ihre Freundin steht neben ihr, hält das Baby der jungen Frau im Arm. Aber sie erkennt die beiden nicht mehr. Sie weiß nicht mehr wer sie ist. Sie löst sich auf. Zerfällt.
Schöne Musik, denkt sich der Vogel.



14. Das Mädchen, das alles fühlt

Da ist dieses Mädchen. Und manchmal, da ist alles viel klarer als sonst. Die Wassertropfen auf ihren Fingern, wenn sie sich die Hände wäscht. Die kleinen Bläschen, die dabei entstehen. Sie sieht dann die Schrauben in ihrem Kleiderschrank, die Blütenblätter ihrer Blumen, die Pfefferkörner in ihrer Mühle, alles sieht sie dann, einfach alles. Jedes kleine Teil. Ein Schuh ist nicht nur ein Schuh, sondern ein Konvolut aus Stoff, Sohle, Schnürsenkel, kleine Nähte und vielem mehr. Jedes Detail liegt glasklar vor ihr. Als könnte sie Elemente sehen. Die Suppe, die sie gemacht hat, ist nicht nur ein schnelles Mittagessen. Es ist Karotte, Sellerie, Wasser, Fleisch von einem Huhn. Einem Huhn, das gestorben ist. Das gelebt hat. Das Federn hatte. Und Knochen und Sehnen. Augen die wiederum andere Dinge gesehen haben. Vielleicht genauso wie das Mädchen. Körner, Regenwürmer, Gras, alles ganz nah und klar. Das Huhn inspiziert die Schnecken, sieht ihnen zu, wie sie an Salatköpfen knabbern. Langsam, gemächlich. Und diese Schnecken, sie leben auch. Und sehen noch mehr. Insekten. Mikroben, Elemente, Atome. Was ist das Kleinste das uns zusammenhält? Sie fühlt sich, als würde sie alles sehen. Die dünne Glaswand der Glühbirne an ihrer Decke, die rauen Hügelchen an ihren Wänden, der Staub in ihren Zimmerecken, das Muster ihrer Suppenteller, das blinkende Licht ihres Rauchmelders, die Lautsprecher ihres Handys. Alles. Und das brennt sich ein, setzt sich bei ihr fest, schreit nach Aufmerksamkeit. Alles bedarf einer gewissen Achtung, alles hat Aufgaben und Pflichten und einen Zweck. Nichts ist einfach nur so da. Die Insekten, die Schnecken, die Hühner, ihre Suppe.
Sie verlässt ihre Wohnung und muss auf der Stelle stehen bleiben. Ihr Gehirn scheint zu explodieren. Sie nimmt alles wahr, jede Einzelheit. Es tut weh, es dröhnt, es hupt, es schreit, ein Kind, mit Eis, rot, wie die Ampel, ticken für die Blinden, Sonne, warm, Jacke. Sie hält sich die Hände an den Kopf. Tauben, gurren, wackeln mit den Köpfen, essen irgendwas, denken nicht, leben, sehen etwas, flattern weiter, flattern davon. Raus aus dieser Stadt, diesem Chaos, dieser Welt, diesem System, diesem Viel zu Viel. Gerüche schlagen in ihre Nase. Döner, Frittierfett, alt, Staub, Abgase, Parfüm. Menschen. Sie riecht Menschen. Hört sie, hört alles. Autos, Schlüsselgeklimper, Skateboards, die U-Bahn. Spürt sie in den Beinen, sieht die Pflastersteine leicht vibrieren. Sieht alles. Sieht Dinge zum ersten Mal. Türen, Gassen, ganze Gebäude. Das Leben will sie überschwemmen. Es hat ihre Seele geöffnet und jetzt wird sie geflutet. Das überlebt sie nicht. Sie fühlt sich so unendlich voll und glücklich. Das ist so schön. Alles ist so intensiv und echt. Nichts ist so echt, wie das was vor ihr liegt. Nichts ist so echt wie das Leben.
Ein Radfahrer fährt vorbei. Zum ersten Mal fällt ihr auf welch eine seltsame Form ein Fahrrad doch hat. Sie studiert es, begreift es. Versteht wie es funktioniert. Zum ersten Mal. Wie es wirklich funktioniert. Pedale, Kette, Zahnräder. Alles was früher nur ein Wort war, wird jetzt zur Wirklichkeit. Wasser, Sauerstoff, Wolken, Steine, Metall. Sie bleibt vor einem Mülleimer stehen. Schaut ihn an, schaut ihn wirklich an. Er hat Rillen. Oben zwei, unten zwei. Seit wann hat der Rillen? Sie lehnt sich an ein Haus. Spürt wie warm der Stein ist, riecht daran. Ist das Leben? Sie bleibt stehen, bleibt einfach stehen. Alles bewegt sich, nur sie steht. Sie sieht. Sie lebt.
Sie sieht sich ihre Hände an. Ganz genau. Fragt sich, wann sie das, das letzte Mal gemacht hat. Ob sie es überhaupt schon jemals gemacht hat. Zählt alle Falten. Innenfläche, Außenfläche. Sie kommt auf kein Ergebnis. Zu klein sind sie. Und je länger sie hinsieht, desto mehr werden es. Altert sie etwa gerade? Gerade jetzt, in diesem Moment. Ist das hier leben? Sie streicht über ihre Unterarme. Da sind Haare. Da sind Muttermale. Sie fährt mit einem Finger darüber. Immer und immer wieder. Plötzlich spürt sie, wie die Muttermale abstehen. Nicht viel, nur ganz wenig, aber sie spürt es. Sie spürt alles. Sie spürt sich. Sie atmet. Ein, aus. Sie wusste gar nicht, dass sie so viele Muttermale hat. Sie wusste auch nicht, dass sie so langsam atmen kann. Sie sieht Kratzer und Dreck, Müll und Schrott. Sieht Rostflecken. Sieht Dellen. Sieht das Leben.
Alles glänzt, alles leuchtet. Alles ist einfach unbegreiflich schön.
Es läutet. Ihr Handy. Eine Freundin. Da muss sie kurz zurückschreiben. Total wichtig. Da ist auf dieser einen Seite, dieses eine Bild von diesem einen Typen mit diesem einen Ding was jetzt jeder hat. Was sie auch braucht. Was sie schon die ganze Zeit wollte. Was schon auf jeder ihrer Apps aufploppt als Werbung, als Bild, als Video, als Nachricht, als Warnung: Kauf mich! Das muss sie jetzt haben. Dieses Ding. Dann kann sie vielleicht auch mit dem Dings endlich ins Gespräch kommen. Sie braucht jetzt dieses Ding. Wo gibt’s denn dieses Ding? Die Dings schreibt ihr, dass man das im Dings bekommt. Kostet nur Dings, wenn man das Ding von diesem Ding vordingst. Und schon hat sie ihr Ding.
Sie geht weiter.



15. Der Clown der fliegen kann

Da ist dieser Clown mit einer großen, lila Nase und einem unglaublichen Talent. Er kann fliegen. Seit seiner Geburt, hat er dieses Talent. Nun verdient er damit sein Geld und ist überall bekannt. Er füllt ganze Hallen. Und vor ihm sitzen bis zu 2000 Botties. Botties gibt es inzwischen seit über hundert Jahren. Dabei handelt es sich um kleine, würfelförmige Roboter mit vier Beinen, zwei Propellern und sechs Kameras, für jede Seite eine, die rund um die Uhr filmen, sieben Tage die Woche, Jahr für Jahr. Die Aufnahmen sind live und werden über die, als „graue Wolken“ bezeichneten, weil mit bloßem Auge am Himmel zu erkennenden, Satellitenstationen an die Besitzer geschickt. Sie sind gemütlich geworden diese Besitzer. Vor vielen Jahren, vergessene Zeiten, waren sie die aktiven, die am Leben, an der Welt Beteiligten. Nun sitzen sie in dunklen Räumen und gucken durch virtuelle Realitätsbrillen. Sehen sich Berge an, die nicht zu erklimmen sind, Wälder, die nicht zu erreichen sind, Straßen, die nicht zu begehen sind. Zu weit weg. Zu viele Eindrücke wären es für die Besitzer. Keiner setzt mehr auch nur einen Fuß vor die Tür. Denn dort wäre etwas, das sie nicht ertragen können, das sie umbringen würde. Etwas, das sie fürchten, hassen, etwas, gegen das sie sich nicht zu wehren wissen. Dort draußen ist: STILLE.
(PAUSELASSEN)
(Nicht zu ertragen/IMPRO)
(Zuerst wurde es noch mit Lachen/Klatschen/Reaktion gebrochen.)
Dann mit etwas anderem. Egal was, alles war besser.
Als Stille.
Als Denken.
Als Bei-Sich-Sein.
Powerrelaxing, Nomorestress-Workout, Fit for reast. Warum eigentlich in Englisch? Burn out wird burn again. Wer ausgebrannt ist, muss eben wieder angezündet werden. Wenn ein Feuer nicht mehr brennt muss eben wieder Holz nachgelegt werden. Und dann noch ordentlich Spiritus drüber. Ab dafür.
Nein, kein Besitzer geht mehr vor die Tür. Dort draußen würde er erlöschen. Vom Inferno, zum Flackern, vom Flackern zum Glühen, vom Glühen zum Rauchen, vom Rauchen zum Urzustand. Zum sein.
Stille stimmt eigentlich gar nicht. Inzwischen ist es wieder laut geworden. Abermillionen von Botties surren, quietschen und Brummen durch die Luft. Sprechen über Mikrofone und Lautsprecher miteinander, tauschen über ihre Satellitenverbindungen Daten aus, liefern Pakete zu den Besitzern, fliegen ins Kino, lachen, stecken einander ihre USB-Kabel in die zugehörigen Buchsen, laden sich auf, kaufen ein, kochen, nehmen Urin und Kot der Besitzer ab, entsorgen, bauen auf. Sie halten die Erde am Laufen, während alles sitzt.
Darüber ein Clown. Er fliegt über den Dächern, über den „grauen Wolken“ mit den Vögeln zusammen. Sieht auf ein altes Schwarz-Weiß Foto aus dem Jahre 1949. Darauf sitzt ein Mann mit Anzug und Schnurrbart. Er hält lächelnd ein Buch in die Kamera. Darauf steht 1984. Genau 35 Jahre später. Witzig, denkt sich der Clown. Weitere 35 Jahre danach, wurde der erste Bottie entworfen. 2019.
Witzig, denkt sich der Vogel, dieser Mensch hat eine lila Nase.


(„Übrigens, wenn sie wollen, können sie sich gerne mit mir auf Facebook in Kontakt treten. Einfach Julian Niedermeier eingeben, da findet man mich dann schon.“)



16. Die Spielfigur

Da ist diese Spielfigur in einem Computerspiel. Zuerst ist sie nichts. Steht da und wird begutachtet. Ihre Haare ändern sich. Rot? Grau? Schwarz? Blau. Also blau. Hochgesteckt? Lang? Locken? Wellig? Glatze? Afro? Dreadlogs? Sidecut. Also Sidecut. Sie bekommt das Augenpaar Nummer 12, den Mund Nummer 3 und das Ohrenpaar Nummer 34. Dann ihr Körper. Schlank. Was sonst. Groß? Nein, nicht wirklich. So mittel. Entscheidende Größe scheint ihre Oberweite zu sein. Sämtliche Modelle und Größen werden genauestens durchgeklickt. Es wird Nummer 6. Die größten die es gibt. Was für ein Zufall.
Als nächstes bekommt sie Kleidung. Beziehungsweise, so gut wie keine Kleidung. Hohe Schuhe, Minirock und einen eisernen BH. Dazu bekommt sie ein überdimensionales, leuchtendes Schwert. Dann wird noch ihre Stimme gewählt. Aber darauf wird anscheinend nicht sehr viel Wert gelegt, da der Zufallsgenerator entscheiden darf. Dann ein Name. Crazy Baby.
Crazy Baby steht plötzlich in einer Höhle. Vor ihr steht ein Zauberer, der ihr den Weg nach draußen zeigen will. Sie wird ihm hinterher gesteuert. Der Weg wird schon stimmen. Plötzlich steigen drei Skelette mit leuchtenden Augen aus der Erde empor. Ihr Schwert wird geschwungen. Einmal, zweimal, dreimal.
Die nächsten Stunden, Tage, Wochen, Jahre wird fast nichts anderes getan, als ihr Schwert geschwungen. Manchmal wird sie noch gesprungen, auf einem Bären geritten, oder ungewöhnlich lange in Unterwäsche inspiziert, meist aber tötet sie einfach irgendwas. Oft wird aber auch sie getötet. Ihre Zufallsstimme ächzt auf und kurze Zeit später ist sie schon wieder lebendig. Dazwischen ist nur weißes Licht. Sonst nichts. Sie wird irgendwelche Wege entlang geschickt, von denen sie keine Ahnung hat, wo sie enden. Sie versteht ohnehin nicht genau was sie eigentlich macht. Sie wird in Höhlen gesteuert, in Städte, auf Bäume, in Gasthäuser, in Schulen, in Arenen. Sie hat keine Ahnung. Ständig muss sie irgendwelche Herausforderungen bestehen, irgendetwas bekämpfen und gewinnen. Und wenn sie nicht gewinnt, sondern stirbt, wird sie eben wieder von den Toten erweckt und sofort zurück in den Kampf gesteuert. Immer weiter.
Weiter irgendwelche Dinge erledigen. Weiter auf Berge, in Seen, in Schlösser, zu Elfen, Drachen und Trolle. Manche sind nett, manche sind böse. Sie wird gesprochen. Und oft will sie eigentlich was ganz anderes sagen und machen, als sie schließlich muss. Denn sie muss nur kämpfen, Rätsel lösen und sterben.
Immer und immer wieder.
Sprung, Sprung, Stöhn, Stöhn, kämpf, kämpf, Tod.
Sie stirbt tausend Tode. Crazy Baby wurde wohl gemacht um zu sterben. Um zu scheitern und zu kämpfen. Immer wieder erwachen um weiter zu machen. Immer wieder, immer wieder.
Nichts gehört ihr. Nicht wirklich. Da sind ihre Arme, ihre Beine. Doch sie gehorchen nicht ihrem Willen. Nichts passiert so, wie sie will. Sie weiß gar nicht, ob sie überhaupt etwas will. Will sie etwas? Kann sie etwas wollen? Hat sie überhaupt einen Willen?, fragt sie sich, während sie von einem lila Elf ermordet wird. Und schwups, zurück.
Ständig kämpfen, ständig irgendwas erledigen.
Alles in diesem Spiel scheint diesem Prinzip zu gehorchen. Alles unterliegt dem Gesetz um jeden Preis weiterzukommen, oder zumindest weiterzumachen. Alles erfüllt seinen unbekannten Zweck. Was für ein Zweck? Alles geht Dingen nach, kämpft, handelt, stirbt.
Nur die Vögel nicht. Sie stehen herum, gucken umher und sehen schön aus. Das ist alles. Weder kümmern sie sich um Crazy Baby noch um sonst etwas. Und wenn ein Vogel davonfliegt, einfach so, scheinbar ohne Aufforderung, ohne einen Zweck erfüllen zu müssen, einfach nur weil er es will – dann ist er frei. Dann wird er kleiner und kleiner und ist weg.
Crazy Baby sieht das. Sieht dem Vogel solange nach, bis er mit dem friedlichen Blau des unendlichen Himmels verschmolzen ist. Während ihr Körper, der nicht ihr gehört, auf einen grunzenden Oger einschlägt, der sich auch nicht gehört. Nichts hier, in diesem Spiel, gehört sich selbst.
Außer die Vögel.





17. Der freie Vogel

Und da ist dieser Vogel. Und der Vogel erhebt sich in die Lüfte, schießt nach oben, enthebt sich allem Irdischen. Zieht über Flüsse hinweg, die zu Meeren werden, die zu Ozeane werden, die eine riesige vereinigte, immer wiederkehrende Wassermenge ist. Darauf große Schiffe, beladen mit Kampfjets, übergewichtigen, alten Rentnertouristenpaare, die nie gelernt haben sich zu lieben. Zusammen aus Gründen, die sie nicht verstehen oder vergessen haben. Kleine Fischerboote, mit prall gefüllten Abfalltonnen und leeren Fischernetzen. Jeder muss sein Geld verdienen. Und ganz kleine Boote, deren Besatzung immer weniger wird und in der Bedeutungslosigkeit -, unnötig es weiter anzusehen, oder auch nur einen weiteren Gedanken daran zu -.
Die Wellen formen sich über Jahrmillionen hinweg die Erde zurecht. Das gleiche macht der Mensch in Sekunden. Schnipp. Wald weg. Schnipp. Tiergattung ausgerottet. Schnipp. Alle 11 Minuten verliebt sich ein single. Alle fünf Sekunden wird ein Korb vergeben. Und jede Sekunde verbrennen sich zwei Menschen aneinander, ineinander, füreinander und gehen zugrunde. Der Vogel fliegt über zwei Männer hinweg, über zwei Frauen, über zwei Menschen, über Religion, über Zugehörigkeit, über Sprache, über Grenzen. Überwindet alles. Sieht Menschen, Kontakt, Reibung, Liebe, Tod, Trauer, Endlichkeit und die Freiheit all das erfahren zu können. Frauen und Männer und Kinder die alles erleben wollen und nie genug kriegen. Und sich verlieren in all den neonpulsierenden Farben. Sich im Leben verlieren. Zu viel Leben ist auch nur der Tod.
Er sieht so viel Tod, der kleine Vogel, sieht so viel Hass in so kleinen, kindischen Menschen mit viel zu viel Macht. Das kann doch keiner alleine, das kann doch kein Mensch verantworten, erst recht kein Kind. Nimmt da bitte mal eine Mutter den kleinen Scheißer in den Arm und sagt ihm all das, was er nie zu hören bekommen hat?, denkt sich der Vogel. Er denkt so viel. Wenn er das nur irgendwie, irgendwem mitteilen könnte. Aber er kann nur fliegen und beobachten. Die Erde dreht sich ganz von alleine. Da kann man nicht drauf zugreifen. Das ist kein Videospiel. Da gibt’s kein Extraleben, kein Neustart. Verloren ist verloren. Game over.
Er fliegt und fliegt und kann nicht aufhören seine Flügel zu schlagen. Will nie wieder landen. Nie wieder Teil von all dem sein. Will sich separieren. Außen vor sein, abheben, will da Distanz haben. Die Welt soll ihm bloß nicht zu Nahe kommen. Mein Tanzbereich, dein Tanzbereich. Bitte Abstand halten. Nicht zu Nahe. Nur betrachten. Wie im Kino. Oder besser, wie im Museum. Manchmal muss man  einige Schritte von einem Gemälde weggehen um es zu empfinden. Um das zu verstehen. Zu fühlen.
Aber die Luft wird dünn da oben und der Vogel kann nicht länger als wenige Sekunden all das in sich aufsaugen. Sonst platzt er fast vor Tatendrang. Er will da wieder rein. In dieses Chaos, in dieses unendlich Chaos voller Nichts und Alles. Will wieder ein Teil davon sein. Ein Teil vom Großen Ganzen. Vom Kunstwerk. Wird zum Kunstwerk. Spürt sich selbst und alle anderen. Alle fühlen sich. Fühlen die Einheit. Fühlen alles! Fühlen das Kunstwerk. Werden zum Kunstwerk. Sind das Kunstwerk. Ein Feuerwerk. Und alle Lebewesen, der ganze Kosmos geht auf in Flammen und explodiert in tausend bunten Farben!
Die Rechnung geht auf.
Die alles entscheidende Gleichung, endlich gelöst.
Die letzte Variable. x ist gleich –


Intermezzo 3

Der Zuhörer klatscht. Das macht man so. War ja auch was. Mal was anderes, was Neues. Das war auch gut irgendwie. Da kann man drüber nachdenken. Er geht nach draußen. Begibt sich auf dem Heimweg. Und denkt sich...
Dieser Mann, der gelesen hat freut sich. Bedankt sich. Schöne Zeit. Ist ihm wirklich viel wert. Geht heim. Legt sich hin. Denkt nochmal nach. Überlegt, ob seine Botschaft angekommen ist. Sein fester Glaube daran, dass wirklich jeder Mensch eine absolute –
Oh, draußen fliegt ein Vogel vorbei.
Was für schöne Tiere.

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